Bestrahltes Obst gegen die Zombie-Apokalypse
Was hört man wenn man die Atomgegner als ängstlich und uninformiert bezeichnet? Man bekommt zu hören, dass ihre Gegnerschaft keine Angst ist, sondern rational getroffene Entscheidung nach Abwägung aller Fakten. Vor allem die Angst vor Strahlung sei berechtigt und wohl überlegt. Warum gibt es dann das Verbot der Lebensmittelbestrahlung, die nur mit einer irrationalen Angst erklärt werden kann?
"Die guten Bestrahlten
Bestrahlte Äpfel? Die nach einem Monat noch frisch sind wie am ersten Tag? Äpfel die ich kannte wurden nach einigen Tagen krumpelig, trocken und schimmelten bald- die hier strahlten nach einem Monat noch wie am ersten Tag. Wie geht das? Warum gibt es das nicht in Deutschland?
Die Methode ist über 100 Jahre alt
Die Bestrahlung von Lebensmitteln ist schon eine sehr alte Prozedur. Bereits 1906 wird in Großbritannien ein Patent zur Nutzung radioaktiver Isotope zur Bestrahlung pulverförmiger Lebensmittel angemeldet.
1958 verbietet das Lebensmittelgesetz (§13 Abs. 1) in Deutschland ionisierende Bestrahlung von Lebensmitteln. Allerdings stand hinter dem Verbot die erklärte Absicht, dieses Verbot später zu überprüfen. “Das Verbotsprinzip mit Erlaubnisvorbehalt ist vorsorglich durch das Gesetz zur Änderung und Ergänzung des Lebensmittelgesetzes vom 21. Dezember 1958 eingeführt worden, nachdem zu jener Zeit nicht geklärt war, inwieweit mit ionisierenden Strahlen behandelte Lebensmittel nachteilige Eigenschaften annehmen können.” Diese Überprüfung hat bis heute nicht stattgefunden.
In der Drucksache 11/7574 Bericht der Bundesregierung über die Behandlung von Lebensmitteln mit ionisierenden Strahlen vom 18. Juli 1990 wird ausdrücklich erwähnt, dass zahlreiche internationale Organisationen (WHO, FAO, IAEO, JECFI) die Unbedenklichkeit der Lebensmittelbestrahlung bis zu einer Energiedosis von 10 Kilogray bestätigt haben. 1997 befürwortet eine gemeinsame Studie von FAO, IAEA und WHO sogar die Abschaffung dieser Höchstgrenze.
Dennoch ist im heutigen Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuch in § 8 Abs. 1 die nicht zugelassene Bestrahlung von Lebensmitteln mit ultravioletter oder ionisierender Strahlung verboten, genauso wie diese in den Verkehr zu bringen. Welche Lebensmittel EU-weit erlaubt sind, kann man in der Direktive 1999/3/EC des europäischen Parlaments und Rats nachlesen. Danach ist lediglich die Bestrahlung von getrockneten Gewürzen (original: dried aromatic herbs, spices and vegetable seasonings) zulässig. Alle weiteren Anwendungen unterliegen der Gesetzgebung der Einzelstaaten.
Strahlung bleibt nicht kleben
Natürlich ist die Bestrahlung von Lebensmitteln unbedenklich. Eine mit ionisierender Strahlung behandelte Fläche strahlt selbst nicht nachdem die Strahlungsquelle entfernt wird, genau wie eine Oberfläche nicht von selbst weiter leuchtet, nachdem man das Licht gelöscht hat. Es ist eine wissenschaftlich unhaltbare Betrachtung von Strahlung wenn man annimmt, Gegenstände würden durch eine Behandlung mit radioaktiven Strahlen irgendwie gesundheitsschädlich. Und wenn diese Meinung allein noch nicht reicht, dann vielleicht die zahlreichen Studien die im Laufe der letzten Jahrzehnte gemacht wurden, dazu die Praxis bestrahlter Lebensmittel im Ausland die bis heute keinen einzigen Fall einer durch bestrahlte Lebensmittel erkrankten Person hervorgebracht hat.
Wie viele Jahrzehnte ohne Krankheitsfälle, wie viele Studien welche die Unbedenklichkeit erweisen sind denn noch nötig, bis eine völlig sichere und nützliche Konservierungsmethode endlich in Deutschland zugelassen wird?
Natürlich würde man bestrahlte Lebensmittel entsprechend kennzeichnen. Dafür gibt es bereits entsprechende Regeln der WTO und das RADURA-Symbol, welches kurioserweise in der EG nicht zugelassen ist.
Wenn wir Befürworter der Kernenergie den Vorwurf erheben, die Angst der Bevölkerung vor der Kernenergie sei irrational, sachlich unbegründet, unter anderem ein Produkt einer falschen und undifferenzierten Angst vor Strahlung, basierend auf mangelndem physikalischen Verständnisses- was haben wir nach solchen Vorwürfen immer gehört?
Die Öffentlichkeit sei informiert, niemand habe irrationale Angst vor radioaktiver Strahlung- Alle Vorsicht und Angst die gegenüber Strahlung in der Bevölkerung vorhanden ist, sei das Ergebnis rationaler Abwägungen und realistischer Einschätzung.
Eine rational denkende Gesellschaft würde das Verbot der Lebensmittelbestrahlung aufheben- und sei es nur um nach der Zombie-Apokalypse eine bessere Überlebenschance zu haben.
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Ist in dieser Allgemeinheit nicht korrekt. Es gibt durchaus ionisierende Strahlung, die bestrahlte Gegenstände radioaktiv aktiviert, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Aktivierung_%28Radioaktivit%C3%A4t%29 . Bei Photonen tritt dieser Effekt zwar erst bei sehr hohen Energien auf, aber der Begriff “ionisierende Strahlung” schließt auch diese mit ein; außerdem gibt es ja noch Neutronen…
Danke für ihren Zusatz.
Das ist richtig und ich war mir dessen auch bewusst. Jedoch trifft dies bei der Bestrahlung von Äpfeln nicht zu. Die dafür nötigen Energien liegen deutlich höher. Das ist auch ein Grund für die Begrenzung der maximalen Bestrahlung auf Äpfel. Diese liegt bei 10 Kilogrey und liegt noch unter dem gefährlichen Wert.
Zum Vergleich: 1 Gray entspricht 1 Sievert. Die deutsche Durchschnittsdosis aus natürlichen und künstlichen Quellen beträgt 2,4 Millisievert.
Jan hat mir empfohlen einen Satz über Aktivierung einzubauen- ich hätte mal auf ihn hören sollen
ich habe mal irgendwo gelesen, das Problem bei bestrahlten Lebensmitteln sei, dass dabei Stoffe entstehen, die zwar einerseits sterilisierend wirken (wodurch die Bestrahlung überhaupt erst effektiv werde, insbesondere für dauerhafte Effekte) – diese Stoffe aber selber nicht zugelassen sind als Lebensmittelzusatz. Man würde also genau das im Lebensmittel erzeugen, was man nicht zusetzen darf – und das wäre ein Widerspruch. Inwiefern das stimmt konnte ich aber bisher nicht überprüfen.
Andererseits würden auch bestrahlte Äpfel nach vier Wochen an der Luft nicht so frisch und knasckig aussehen – aufgrund des Wasserverlusts eher schrumplig. Außer natürlich, 28 Tage nach Ausbruch einer sich schnell verbreitenden Seuche funktionieren Kühlaggregate und Befeuchter in Supermärkten noch – und wurden vorher auf “lange halten” statt “schnell verkaufen” eingestellt…
Hallo Engywuck
Danke für ihren Beitrag und ihr Interesse.
Zunächst, der Supermarkt im Film ist verlassen, Strom gibt es schon lange nicht mehr. Wahrscheinlich ist die Darstellung der frischen Äpfel im Supermarkt mit einem Augenzwinkern zu verstehen, sicher bin ich mir da aber nicht. Letztendlich sollte man die Darstellungen aus einem Zombie-Film nicht unbedingt als wissenschaftliche akkurat betrachten.
Was ihren anderen Einwurf angeht, so kann ich ihre Aussage nicht bestätigen. Wie die Verordnungen und Studien (die ich im Text verlinkt habe) mehrfach klarstellen, gibt es keine biologisch begründete Rechtfertigung für das Verbot bestrahlter Lebensmittel.
Im Gegenteil wurde das Verbot ursprünglich nur vorläufig erlassen, bis mehr Forschungsdaten vorliegen. Inzwischen ist die Datenlage gewaltig und die Erfahrung mit bestrahltem Obst im Ausland reicht über Jahrzehnte und es gibt keinen einzigen Fall in dem bestrahlte Lebensmittel auch nur milde gesundheitliche Beeinträchtigungen verursacht haben.
Durch die Bestrahlung entstehen in den Äpfeln eben keine Stoffe. Genau darum sollte es in meinem Artikel gehen. Diese Angst existiert sicherlich bei den meisten Leuten die davon hören, tatsächlich ist diese Angst aber völlig unbegründet.
Und seien wir mal ehrlich- glauben sie, dass die wahrscheinliche Ablehnung bestrahlter Lebensmittel in breiten Teilen der Bevölkerung etwas mit rationalen Überlegungen um “Restrisiken” von bisher unerforschten Aspekten dieser Methode zu tun hat und nicht mit einer allgemeinen und übertriebenen Angst vor Strahlung als Böser Bube der Naturgesetze?
zu Ihrer letzten Frage zuerst: nein, ich glaube nicht, dass die Ablehnung weit entfernt von “das wurde bestrahlt, ALSO ist das radioaktiv” liegen wird bei den meisten Leuten. Leider.
Andererseits kann aber radioaktive Strahlung nicht nur ionisierend wirken sondern auch Atombindungen in zwei Radikale spalten – richtige Energie vorausgesetzt. Beides zusammen wirkt sterilisierend, da u.a. das Erbgut der Mikroorganismen auf beiden Wegen zerstört wird. Zusätzlich kann aber – beispielsweise – aus Wasser in geringen Mengen Wasserstoffperoxid (+Wasserstoff) entstehen und auch prinzipiell eine ganze Latte anderer Stoffe. Für die Entstehung von Wasserstoffperoxid aus Wasser reicht ja schon UV-Licht. Wobei auch Honig H2O2 enthält, aber das ist ja “natürlich”…
In diesem Sinne würde ich “entstehen keine Stoffe” in dieser Allgemeinheit so nicht stehen lassen wollen. Sehr wahrscheinlich entstehen (bei sauberer Durchführung) neue Stoffe zwar nur in äußerst geringer Menge, aber auch das “in geringer Menge” würde von den entsprechenden “Anti-Gruppen” wohl großzügig überlesen/ignoriert werden. Ich kann mir die Reaktion vorstellen: “nein, dadurch werden Lebensmittel nicht radioaktiv, das zerstört nur das Erbgut der Bakterien und erzeugt in sehr geringer Menge desinfizierende Stoffe” — “Ah, ihr gebt also zu, dass das Gentechnik ist und giftiges Zeugs zugesetzt wird”
Zudem sehe ich Probleme, wenn Bestrahlungseinrichtungen (außer UV o.ä.) weitere Verbreitung fänden mit der ungesicherten Verbreitung radioaktiven Materials – nicht so sehr im Einsatz sondern eher bei unsauberer Entsorgung so wie 2009 mit Cobalt-60 (u.a. für Lebensmittelbestrahlung eingesetzt), das mit Stahlschrott eingeschmolzen wurde oder beim Goiana-Unfall in Brasilien 1987. Einige wenige solcher Unfälle würden eine vorhandene Akzeptanz in der Bevölkerung ganz schnell wieder zunichte machen – obwohl auch mit “chemischen” Sterilisierungsmitteln Unfälle passieren können.