Große Worte und nichts dahinter?
Nun sind bereits einige Monate in's Land gezogen seit die Energiewende mit einer überwältigenden Mehrheit offiziell beschlossen wurde. Und nach der anfänglichen Euphorie über den neuen Weg, den Deutschland beschreiten wird, scheinen nun langsam einige kritische Stimmen lauter zu werden. Eine kleine Rundschau.
Im November hatte ein Leser dieses Blogs die Frage gestellt, ob denn irgendwo im Netz auch darüber informiert wird, wieviel Energie durch die Erneuerbaren täglich bereitgestellt wird. Hierzu hat mein geschätzter Kollege eine tolle Seite angegeben, die ich unbedingt empfehlen kann: transparency energy. Auf dieser wird sehr detailliert dargestellt, was denn so täglich der geplante Bedarf an Energie ist und was am Ende tatsächlich in das Netz eingespeist wird. Auch die Seite des Bundesverbandes für Energie- und Wasserwirtschaft sei hier als informative Quelle zu Fragen rund um die Energie genannt.
Im folgenden möchte ich diese Frage aber auch mal als Aufhänger nutzen um ein wenig zu schauen, wie denn der aktuelle Stand ist und was denn so in den letzten Monaten passiert ist. Denn auch an anderen Stellen im Netz wird teilweise recht kritisch die allgemeine Lage begutachtet. Daher möchte ich zunächst kurz drei, wie ich finde, lesenswerte Texte empfehlen. Der den Lesern dieses Blogs bereits bekannte Dr. Günther Keil kommt einerseits zu dem Schluss, dass die Energiewende bereits gescheitert ist, andererseits schreibt er mit Bezug auf einen offenen Brief von Forschern, die die schwarz-gelbe Energiepolitik kritisieren, über eine vergiftete Warnung. Ein anderer guter Text stammt von Dr. Rupert Reiger. Dieser arbeitet in einem Forschungszentrum der Luft und Raumfahrtindustrie und schreibt über die Energiewende in Aktion. Soviel zu einigen lesenswerten Bestandsaufnahmen, nun aber noch mein eigener Senf zum Thema.
Die Netze
Ein wichtiger Punkt, der von Anfang an genannt wurde, ist der Ausbau der Netze. Leider sieht es hier aktuell sehr düster aus, von den geplanten 4.400 Kilometern, die benötigt werden, sind derzeit gerade mal 80 Kilometer gebaut. Im gleichen Atemzug warnt die dena davor, dass der notwendige Um- und Ausbau des Netzes nicht in dem Maße vorangeht, wie es erforderlich ist: so sind "die staatlichen Vorgaben für den effizienten Betrieb von Stromnetzen an die Herausforderungen der Energiewende anzupassen." Hier ist dringender Handlungsbedarf seitens der Politiker gefordert, die aber halten sich gerade ziemlich zurück. Hierzu war schon vor einiger Zeit auf wissen.de zu lesen:
Nach der Reaktorkatastrophe in Japan vom März hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Umstieg auf alternative Energien noch als "riesige Chance" bezeichnet. Acht Monate später ist das Thema auf der politischen Agenda weit nach unten gerutscht, die Parteien blockieren zentrale Gesetze. "Die vielen Fragmente, die auf Bundes- und Länderebene beschlossen worden sind, müssen jetzt zusammengebracht werden", forderte Hildegard Müller, Cheflobbyistin beim Branchenverband BDEW.
Bund und Länder sind uneins, wer die geplanten Steuervorteile für energetische Gebäudesanierung schultern soll. Ein erster Termin im Vermittlungsausschuss scheiterte. Beim entscheidenden Thema Energieeffizienz ist die Regierung zerstritten: Die FDP lehnt einen ehrgeizigen EU-Vorstoß ab, der verpflichtende Einsparziele vorsieht. Parallel entwickeln die Bundesländer Energiepläne – allerdings unkoordiniert. "Wir brauchen für das nächste Jahr ein Drehbuch für die Energiewende", sagte Müller.
Wenn man nun sieht, dass es in mehr als 20 Jahren nicht geschafft wurde, das Hochspannungsnetz zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg zu schließen, muss hier wirklich die Frage erlaubt sein, wie dann die oben genannten tausende von Kilometern Stromleitungen quer durch's Land geschaffen werden sollen.
Die Kosten
Ein weiterer Punkt sind die Kosten, die die Energiewende mit sich bringen. Der vbw hat bereits in 2010 eine Studie veröffentlicht, die dann nach den Ereignissen in Fukushima und dem Ausstieg aktualisiert wurde und sich mit den Konsequenzen eines Ausstiegs aus der Kernernegie bis 2022 für Deutschand und Bayern beschäftigt. Hier wurden vor allem drei Kernbrennpunkte benannt:
- Versorgungssicherheit: diese ist zwar rein rechnerisch gewährleistet, denoch wird es durch die schrittweise Abschaltung der Kernkraftwerke zu einer Versorgungslücke ab 2015 kommen wenn nicht ausreichend Ersatz durch die Erneuerbaren geschaffen wird. Nach den oben beschriebenen Punkten wird aber damit gerechnet, dass zum Beispiel Bayern im Jahr 2023 rund zehn Prozent der benötigten Strommenge aus anderen Bundesländern oder dem Ausland einführen muss. Bleibt zu hoffen, dass die Netze bis dahin entsprechend ausgebaut sind (siehe oben)
- Preiswürdigkeit: dass die Preise steigen werden, ist unbestritten. Nur über das Ausmaß und die Verteilung (wer was trägt) kann man derzeit nur spekulieren. So werden die Kosten für den Ausbau auf rund 335 Milliarden Euro geschätzt. Strittig ist aber die Frage, wer denn in welchem Umfang zur Kasse gebeten wird. Erst im November wurde über eine Umverteilung der Kosten diskutiert, die ein Großteil der Kosten auf den Verbraucher zugunsten der Industrie umlegen will (was aber auch Sinn gibt, will man den Industriestandort Deutschland nicht gefährden, immerhin plant jeder fünfte Industriebetrieb eine Abwanderung in's Ausland wenn er es nicht schon gemacht hat).
- Umweltverträglichkeit: nicht zuletzt werden natürlich werden auch die CO2-Emissionen steigen. Allein in Bayern sollen die durch die Stromerzeugung bedingten CO2-Emissionen von 2010 bis 2023 um rund acht Millionen Tonnen auf insgesamt 15 Millionen Tonnen ansteigen.
Den letzten Punkt betreffend gab es am vergangenen Freitag eine Aussage seitens der Bundesregierung:
Das Erneuerbare Energien-Gesetz und das Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz leisten derzeit keinen eigenständigen Beitrag zum Klimaschutz.
Ich muss zugeben, dass ich bisher dachte, dass wenn schon das EEG rein vom wirtschaftlichen Punkt gesehen in seiner derzeitigen Fassung eher kontraproduktiv ist, es doch zumindest dafür sorgt, dass es zu einem gewissen Anteil zum Klimaschutz beiträgt. Nun, so kann man sich irren.
Große Ziele erfordern große Maßnahmen
Ich will die ganze Sache jetzt aber nicht schlechtreden und betone ja auch immer wieder, dass es unser vordringlichstes Ziel sein muss, von den fossilen und nuklearen Brennstoffen wegzukommen. Allein schon die Rohstoffe, die in einem Zeitraum von mehreren Millionen Jahren von der Natur geschaffen wurden, werden in unserer Zeit einfach verbrannt ohne dass sich Gedanken darüber gemacht wird, ob vielleicht in 500 Jahren der Rohstoff Erdöl dringend gebraucht werden könnte.
Gleichzeitig betone ich aber auch immer wieder, dass man realistisch bleiben muss. In Bezug auf diese Thematik verfolge ich schon seit geraumer Zeit den Blog Öko-Logisch? von Björn Lohmann. Herr Lohmann rechnet immer mal wieder vor, dass die Energiewende rein von der Sache her machbar ist. Dabei trifft er Annahmen, die einfach mal nicht realistisch sind bzw. setzt voraus, dass auch wirklich jeder mit dabei ist. Wenn ich aber lese, dass beispielsweise Polen androht, überschüssig produzierten Strom nicht anzunehmen, dann wird die Wende in Frage gestellt. Dummerweise leben wir aber nun mal in einer Welt, in der eben nicht alles so reibungslos funktioniert wie man das gerne hätte. Und leider sind es vor allem die Politiker, die uns seinerzeit so vollmundig eine Energiewende versprochen haben, die jetzt irgendwie alles mögliche anstellen (oder auch unterlassen), um diese zu verzögern.
Und so kann zu Recht festgehalten werden:
Große Entscheidungen erfordern große Schritte, kein Klein-Klein. Doch die Politik wirkt erschöpft von ihrem tollkühnen, vermutlich eher tollen (im ureigentlichen Wortsinn) Beschluss zum Atomausstieg. Schwarz-Gelb beharkt sich öffentlich wie in der Solarförderung, sendet widersprüchliche Signale oder versäumt den Abbau bürokratischer Hindernisse. Aus dem Ausstieg der Deutschen könnte so schnell der Abstieg Deutschlands werden.
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Daumen rauf, klasse zusammengefasst. Aber wie wir es schon in der Diskussion, zugegebenermaßen etwas polemisch, zusammengefasst haben:
Bei manchen Themen helfen keine wohlgemeinten Warnungen oder rationalen Argumente, das Kind muss die heiße Herdplatte selbst anfassen um festzustellen, dass das tatsächlich schmerzhaft ist.
Oder anders formuliert: Die Energiewende muss erstmal gehörig schief gehen, bis erkannt wird, dass die leise geäußerten Zweifel der so genannten "Kernkraftlobbyisten" vielleicht doch nicht so weit hergeholt sein könnten…
Kommentar von Stefan:
Daumen rauf, klasse zusammengefasst. Aber wie wir es schon in der Diskussion, zugegebenermaßen etwas polemisch, zusammengefasst haben:
Bei manchen Themen helfen keine wohlgemeinten Warnungen oder rationalen Argumente, das Kind muss die heiße Herdplatte selbst anfassen um festzustellen, dass das tatsächlich schmerzhaft ist.
Oder anders formuliert: Die Energiewende muss erstmal gehörig schief gehen, bis erkannt wird, dass die leise geäußerten Zweifel der so genannten "Kernkraftlobbyisten" vielleicht doch nicht so weit hergeholt sein könnten…
am 2. Februar 2012 um 09:33 Uhr
Kommentar von Stefan:
Daumen rauf, klasse zusammengefasst. Aber wie wir es schon in der Diskussion, zugegebenermaßen etwas polemisch, zusammengefasst haben:
Bei manchen Themen helfen keine wohlgemeinten Warnungen oder rationalen Argumente, das Kind muss die heiße Herdplatte selbst anfassen um festzustellen, dass das tatsächlich schmerzhaft ist.
Oder anders formuliert: Die Energiewende muss erstmal gehörig schief gehen, bis erkannt wird, dass die leise geäußerten Zweifel der so genannten "Kernkraftlobbyisten" vielleicht doch nicht so weit hergeholt sein könnten…
am 2. Februar 2012 um 09:33 Uhr