Zwei Länder, zwei Umfragen, zwei Meinungen
Am 19.01.2012 erschienen in Deutschland und Großbritannien Studien zur Haltung der Öffentlichkeit zur Kernenergie. Die Unterschiede beider Länder sind hoch und wenn man sich die Ursachen ansieht, nicht unerwartet.
In der letzten Woche wurde das Ergebnis einer Emnidstudie bekannt, die im Auftrag von Vattenfall erstellt wurde. Demnach befürworten 55% der Deutschen einen vorbehaltlosen Ausstieg aus der Kernenergie, 36% unter der Bedingung „bezahlbarer“ Strompreise. Macht 91% Gegnerschaft.
Werte, die technikbegeisterte Naturwissenschaftler und Ingenieure in die Verzweiflung treiben können.
Verwunderlich ist das nicht, nach der Menge an Angstverbreitung und Panikmache die „Umweltschützer“ in Deutschland seit Jahrzehnten verbreitet haben und weiter verbreiten.
Am gleichen Tag, nämlich am Donnerstag, 19.01.2012, veröffentlichte das britische Marktforschungsinstitut Ipsos MORI eine ähnliche Studie über die Meinungslage in Großbritannien.
Die Ergebnisse waren fast umgekehrt. Obwohl die britischen Zustimmungswerte kurz nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima von 40 auf 28 Prozent stark fielen, erholten sie sich in weniger als einem Jahr auf den Stand von 2010, dem höchsten seit 2005. Auch die Anzahl der Atomgegner lag seit 2005 durchgängig unter der Anzahl der Befürworter, selbst nach Fukushima.
Dieser Unterschied hat klare Gründe: Viele namhafte britische und amerikanische Grüne und Umweltaktivisten, wie George Monbiot, Mark Lynas oder Stewart Brand sind für die Kernenergie zur Verhinderung des Klimawandels und vertreten diese Interessen vehement gegenüber der britischen Öffentlichkeit, der britischen Regierung und vor allem den Gegnern innerhalb der ihrer eigenen Bewegung.
Dazu gibt es in Großbritannien einen ausgesprochen stark ausgeprägten Hang zum kritischen Meinungspluralismus, den man in Deutschland vergeblich sucht.
Ein Beispiel: Der als atomkritisch geltende Guardian veröffentlicht, neben atomfeindlichen Artikeln auch die Artikel atomfreundlicher Aktivisten- um ihren Lesern eine faire Meinungsbildung zu ermöglichen.
Und so finden sich Artikel wie dieser hier: Why Fukushima made me Stop worrying and love nuclear power (Warum ich wegen Fukushima aufgehört habe mich zu sorgen und die Kernenergie zu lieben). Oder dieser: The unpalatable truth is that the anti-nuclear lobby has misled us all (Die widerwärtige Wahrheit ist, dass die Anti-Atom Lobby uns alle verleitet hat- eine Aussage die übrigens auch unbeschränkt auch auf Deutschland zutrifft).
Und all dies Artikel im atomkritischen Guardian, die es in Deutschland niemals in die „atomfreundliche“ Welt geschafft hätten.
Die harten und eindringlichen Worte der unverdächtigen grünen Aktivisten und Journalisten Monbiot und Lynas sprechen die Gegner in den eigenen Reihen direkt an. Sie verlangen einen massiven Ausbau der Kernenergie und fordern die Kernkraftgegner offen heraus ihre Behauptungen wissenschaftlich zu beweisen (was diese nicht können). Sie prangern unehrliche Kernkraftgegner, die Profit aus ihren Lügen ziehen, öffentlich an und zwingen die Anti-AKW-Bewegung in Großbritannien zu einer ständigen kritischen Auseinandersetzung mit ihren Zielen und Behauptungen.
Die öffentlich wirkenden Kernkraftbefürworter in Deutschland dagegen sind farblos, keine Grünen sondern, wenn überhaupt, Liberale und Industrievertreter. Und sie fordern weder massiven Ausbau, noch fordern sie ihre Gegner auf, falsche oder außergewöhnliche Behauptungen zu beweisen, im besten Fall sind sie für einen Weiterbetrieb aller bestehenden Kernkraftwerke und die von schwarz-gelb beschlossene (und wieder aufgegebene) Laufzeitverlängerung. Sie kuschen scheu vor grünen Unwahrheiten, statt sie öffentlich als das zu brandmarken was sie sind: Übertreibungen, Legenden und Lügen.
Kernkraftbefürworter innerhalb der Grünen gibt es in Deutschland meines Wissens nach nicht, keine Partei in Deutschland kann auch nur als Neutral bezeichnet werden, es geht nur noch um die Größe der Gegnerschaft. Und all das während die britischen Grünen Zweifler in den eigenen Reihen haben.
Schon im August 2011, beklagte der Parteienforscher Franz Walter in der Welt das Fehlen politischer Kräfte gegen den Atomausstieg als Demokratieproblem, obschon er selbst den Ausstieg für richtig hält.
„40 Prozent der Bevölkerung sieht die Dinge anders als die Einheitskoalition für den Atomausstieg. Einen politischen Advokaten hat diese starke gesellschaftliche Minderheit nicht im Bundestag. (…) Persönlich sind mir diese Einstellungen zwar fremd. Aber in einem vitalen Parlamentarismus müssten sie sich doch wiederfinden. So wabert das untergründige – und wird irgendwann ziemlich ungebändigt in die politische Arena hinein brechen.”
Es ist leicht in einem reichen Land mit bezahlbarem Strom und relativ intakter Natur gegen die Kernenergie zu sein, ich bin gespannt wie sich diese Haltung verändert, wenn wir unsere Landschaft mit Windkraftanlagen verschandeln, unser Biosprit die Lebensmitteln verteuern, die Strompreise in ungeahnte Höhen klettern oder gar ein schwerer Stromausfall den Wohlstand und das Leben vieler Menschen gefährdet.
Bis dahin bleibt zu haffen, dass es bei den Grünen noch intelligente Naturwissenschaftler gibt, die den Mut und das Charisma besitzen den Kurs der Partei kritisch zu hinterfragen. Eine schwache und schwindende Hoffnung.
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Schöner Artikel, dass es Unterschiede gibt, das wusste ich, dass sie aber so krass sind nicht. Am meisten aber verblüfft mich, dass unsere Freunde von der Insel uns hier deutlich was voraus haben. Aber auch Frankreich geht hier neue Wege.
Ich selber hatte schon vor längerem mal was dazu geschrieben.