Gedanken zur Asse

Wie ich schon im letzten Teil meiner Asse-Serie schrieb, geht mein eigenes Projekt dort gerade nicht so recht voran da in der Schachtanlage alle damit beschäftigt sind, das Anbohren der ersten Kammer vorzubereiten und durchzuführen. Nun aber soll es wohl bald soweit sein, immerhin hat sich ein Mitarbeiter (und mein Ansprechpartner) kürzlich gemeldet und will Anfang Februar Bescheid geben, wann es endlich weitergeht. Ich finde das sehr spannend: zum einen geht dann mein eigenes kleines Projekt in der Asse mal wieder voran, zum anderen aber bin ich sehr gespannt, was denn die Probebohrung bringen wird.

Heute möchte ich daher lediglich auf zwei Texte verweisen, auf die ich kürzlich gestoßen bin. Dr. Hermann Hinsch, der selber lange als Mitarbeiter in der Asse tätig war und auch ein großartiges Buch über das Märchen aus der Asse geschrieben hat, ist der Autor einer "Glosse über die Angst vorm bösen Atom und die hirnrissige Idee, den Atommüll aus dem Bergwerk herauszuholen." Zum anderen äußert er sich zur Frage Asse: schließen statt räumen. Beide Texte sind großartig, ich möchte im Folgenden ein wenig zitieren (was auch der Tatsache geschuldet ist, dass meine Zeit aktuell recht knapp bemessen ist – meine Leser mögen mir das verzeihen). Natürlich kann ich nur empfehlen, diese in voller Länge zu lesen und auch das Buch ist ein guter Lesestoff.

Andere Zeiten, andere Herangehensweise

Gleich zu Beginn stellt Herr Hinsch klar:

Ich habe in der Asse gearbeitet. Heute wird darüber so berichtet, als hätten wir da nur unverantwortlichen Mist gemacht. Ich fühle mich also beleidigt und werde versuchen, einiges klarzustellen.

In der Tat muss man die Zustände in der Asse relativ sehen. Aus heutiger Sicht wurde wirklich ganz schön geschlampt, aber damals, in den 1960er Jahren, da war die Idee, den Abfall unter die Erde zu bringen, brandneu und vor allem eines: hochinnovativ. Jedes andere Land nutzt (teilweise bis heute) andere Wege: Frankreich zum Beispiel setzt noch heute auf die oberflächennahe Verbringung von hochradioaktiven Abfall ("ANDRA 6") und die Briten hatten lange Zeit den Abfall bei Sellafield einfach in's Meer gekippt (Ok, bei den gewaltigen Wassermassen hat sich dieser bis heute derart verdünnt, dass er in den Weltmeeren nicht mehr nachweisbar ist, als Lösung aber trotzdem nicht zu empfehlen.).

Und so stellt die Asse damals wie heute einen weltweit besonderen Weg dar:

Die Asse sei die weltweit erste unterirdische Atommülldeponie, aus der Abfall zurückgeholt werde, sagte der Gartenbauingenieur und derzeitige Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König. Obwohl er wegen fehlender Englischkenntnisse Schwierigkeiten hat, die internationale Entwicklung zu verfolgen, ist diese Aussage absolut zutreffend. Überhaupt gibt es weltweit kaum unterirdische Deponien für Abfälle wie in der Asse.

Die Verbringung in tiefe geologische Formationen war also eine sehr große technische Herausforderung. Und wie in allen Bereichen, muss dafür geforscht und probiert werden. Dabei werden auch Fehler gemacht und die wurden in der Asse wirklich zu Hauf gemacht. Aber den damals Beteiligten aus der heutigen Sicht Nachlässigkeit oder gar Absicht vorzuwerfen, halte ich für falsch. Im Gegenteil: lange Zeit wurde ordentlich gearbeitet und auch die Öffentlichkeit schien sich an dem Thema nicht zu stören:

Es ging an der Asse einmal ganz friedlich und vernünftig zu. Tausende von Besuchern wurden durch das Bergwerk geführt. Gegner gab es auch, aber nur im Rahmen dessen, was bei jedem Industrieprojekt normal ist. Das Schließungskonzept wurde in mehreren Veranstaltungen in Remlingen ganz manierlich diskutiert. Trotz sehr unterschiedlicher Ansichten ging man ausgesprochen zivilisiert miteinander um. Der Betriebsleiter, Günther Kappei, beantwortete so geduldig jede Frage, dass die Veranstaltungen immer doppelt so lange dauerten wie geplant.

[...] Seit 1979 wurden in der Asse Versuche gemacht, mit dem Ziel herauszufinden, wie sich im Fall eines Wassereinbruchs die radioaktiven Stoffe aus dem Abfall herauslösen. Der Wassereinbruch 1988 war also kein Ereignis, mit dem niemals gerechnet wurde, und 2008 auch schon ein alter Hut. Die Verfüllung der Grubenräume war abgeschlossen und besondere Bruchereignisse hatte es nicht gegeben.

Ausgespülte Abfälle – eine realistische Situation?

Allerdings entzünden sich genau an diesem Wassereinbruch die Geister. So kommt ja von den Gegnern immer wieder das Argument, dass die in der Asse gelagerten Abfälle aus dem Berg gespült werden können und dann die Umgebung vergiften. Hier stellt sich die Frage:

Aber kann das überhaupt passieren? Radioaktive Stoffe können nur von Wasser aufgelöst werden, bevor die Grubenräume sich geschlossen haben, oder wie man heute gern sagt, bevor das Grubengebäude zusammenstürzt. Je eher das passiert, umso besser. Nun sind viele radioaktive Stoffe gar nicht oder nur schwer in Wasser löslich. Ganz anders das eigentliche Radioisotop der Asse, nämlich das dort in ungeheuren Mengen vorhandene natürliche Kalium40. Das löst sich leicht auf und wäre in allen denkbaren Fällen der radioaktive Hauptbestandteil im Wasser.

[...] schon heute kommt einiges an Radioaktivität aus dem Asseberg in die Umwelt. Im Ort Groß Denkte gibt es eine Quelle, deren Wasser 23.400 Becquerel pro Kubikmeter an Betastrahlern enthält. Zum Vergleich: Im Trinkwasser hat man kaum mehr als 100, in Flusswasser manchmal nur 30 Becquerel pro Kubikmeter als natürliche Gesamtaktivität. Kämen diese 23.400 Becquerel des Quellwassers aus den radioaktiven Abfällen, dann würden die Einwohner von Groß Denkte wohl umgesiedelt. Aber es handelt sich um eine Quelle, die gar nichts mit dem Endlager zu tun hat, die irgendwo anders mit dem Salz in Kontakt steht und als wesentlichen radioaktiven Stoff das natürliche Isotop Kalium 40 herauf transportiert.

Gute Strahlung, schlechte Strahlung

An dieser Stelle wird mal wieder ersichtlich, dass nach wie vor mit zweierlei Maß gemessen wird: während aus irgendeinem Grunde die Strahlung, die auf natürliche Weise entsteht, nicht weiter Besorgnis erregend ist, drehen die Leute schon fast durch wenn die Rede von künstlicher Radioaktivität ist. So stellt Herr Hinsch auch richtig fest:

Nun spielen Dosiswerte im Strahlenaberglauben keine Rolle, jedes einzelne strahlende Atom wird als gefährlich hingestellt, jedenfalls in der Propaganda. Ganz anders ist die Sache, wenn es um das eigene Leben geht. Die Asse-Gegner waren alle schon in der Grube und haben sich der Strahlung aus den Fässern ausgesetzt. Die Fässer sind nicht dicht; zumindest Tritium kommt heraus und ist in erstaunlich hoher Konzentration in der Grubenluft vorhanden. Kein Personendosimeter zeigt es an. Das atmen diese Leute bedenkenlos ein. Aber wenn die Aktivität einmal auf wenige Prozent abgeklungen ist, sich tief unter der Erde befindet oder höchstens als kleine Beimischung zur natürlichen Radioaktivität an die Oberfläche kommt, dann wäre das ein Zustand, den wir unseren Nachkommen nicht zumuten dürfen?

Doch was hat es mit den Abfällen denn auf sich, was lagert denn überhaupt in der Asse? Hier ist auch Herr Hinsch überfragt,

… denn das ist nur ungenau bekannt. Allerdings gibt es keinen hochaktiven Abfall. Der erzeugt Wärme, und das wäre aufgefallen. [...] Mit dem Abfallinventar war ich selbst einmal befasst und würde plus minus 30 Prozent für möglich halten.

Die meisten Fässer enthalten ganz schwach aktive Dinge aus Medizin und Forschung, wie Handschuhe, Überschuhe, oder Arbeitskleidung, bei welcher ein vorsichtiger Strahlenschutzbeauftragter verbot, sie in die Wäscherei zu geben. Es liegt auf der Hand, dass man in solchen Fällen keine aufwändige Aktivitätsbestimmung durchführte, sondern einen Maximalwert schätzte.

Die gesamte Aktivität in der Asse ist auf jeden Fall geringer als die Aktivität einer einzigen Kokille aus einer Wiederaufarbeitungsanlage. Von solchen Kokillen stehen in Gorleben schon über 2.000 Stück.

Wie denn nun: Räumen oder Schließen?

Wie wir sehen, ist es auf der einen Seite also relativ unwahrscheinlich, dass die radioaktiven Abfälle in einem Maße ausgeschwemmt werden, dass sie im Vergleich zu den im Asseberg bereits natürlich vorkommenden radioaktiven Stoffen eine Rolle spielen könnten. Zum anderen ist das Inventar selber zwar vom Volumen recht hoch (obwohl angesichts der Mio. Kubikmeter die zum Beispiel in Herfa-Neurode lagern, das auch eher relativ zu sehen ist), die Gesamtaktivität aber ist eher unbedeutend. Und daher hatte ich ja auch schon einmal festgestellt, dass die vernünftigste Lösung die Vollverfüllung darstellt. Diese birgt die geringsten Sicherheitsrisisken und bietet im Gegenzug den größten Nutzen. So schreibt auch Herr Hinsch:

Würde man das vom Helmholtz-Zentrum vorgesehene Schließungskonzept realisieren, bei dem u.a. eine sorgfältige Verfüllung des Schachtes vorgesehen war, dann wäre gar nichts zu befürchten.

Aber leider wird eben seitens der offiziellen Stellen den Leuten eine Räumung und Umlagerung des Abfalls als die beste Möglichkeit nahegelegt und vielen Menschen fehlt leider das nötige Fachwissen, um das wirklich beurteilen zu können.

Schließen möchte ich mit einem guten Vergleich zwischen der Enkeltochter (drei Jahre) von Herrn Hinsch die immer alles fragen und wissen will, und den Demonstranten, die in schöner Regelmäßigkeit bei CASTOR-Transporten und Anti-AKW-Demos dabei sind:

Hoffentlich wird sie (Anm.: die Enkeltochter von Herrn Hinsch) ihr Leben lang Erklärungen fordern und nicht so werden wie die 15.000 Menschen, die im Februar 2009 bei Wolfenbüttel eine Lichterkette gegen radioaktiven Müll gebildet haben. Nicht einmal 800 haben die Informationsstelle Asse besucht. Informieren, warum denn? Radioaktivität ist gefährlich, das weiß doch jeder. Früher hätten sie da gestanden und gegen Hexen demonstriert.

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    • Sven K.
    • 28. Jan. 2012 4:10pm

    Den Satz hier finde ich besonders gut:
     
    "Früher hätten sie da gestanden und gegen Hexen demonstriert."
     
    Aber sowas auch nur zu denken gilt ja schon fast als Sakrileg.
     
    Aber auf jeden Fall mal wieder interessant was hier für Informationen rumkommen. Ich lese Kerngedanken immer wieder gern und jedesmal lerne ich was neues.

    • Eleonore Bischoff
    • 8. Jul. 2012 10:34pm

    Aus der Medizin stammt 0,5 % der Strahlung in der Asse. Das weiß Herr Hinsch, das wissen Sie. Genauso wie Prof. Dr. Kühn wusste, dass Asse II (wie zuvor Asse I und die anderen Salzbergwerke in der Nähe) einmal absaufen würde. Trotzdem hat geschickt formuliert, dass Asse II “mit an Sicherheitgrenzender Wahrscheinlichkeit” trocken bleibt. Er bekam für seine Endlagerforschung noch 1990 (zwei Jahre nachdem alle Beteiligten wussten, dass Lauge einläuft) das Bundesverdienstkreuz und wir die Umweltkatastrophe.
    Anders als Sie maße ich mir allerdings nicht an zu wissen, was die Beteiligten früher mit weisen Frauen gemacht hätte.

    • JanG
    • 9. Jul. 2012 1:17pm

    Herr Prof. Kühn bekam das BV-Kreuz wegen seiner Leistungen auf dem Gebiet der Endlagerforschung und diese sind fraglos nicht zu unterschätzen. Dass er als technischer Leiter der Asse immer wieder herhalten muss, wenn sich Leute einen Sündenbock suchen, ist das Schicksal solcher Postitionen.

    Wie gesagt: es ist viel Mist passiert, aber es wurden auch viele Erkenntnisse gewonnen. Und im Gegensatz zu vielen anderen Menschen die einfach nur über alles schimpfen ohne eine Lösung zu liefern, wird von solchen Leuten (hier zähle ich mich übrigens auch dazu) wenigstens versucht, das Problem zu lösen.

    Abgesehen davon: als Umweltkatastrophe würde ich das nicht bezeichnen. Was in der Asse liegt, wird nach einigen Jahrzehnten seine Radiotoxizität verloren haben. Bis dahin ist die Gefahr, dass das alles wirklich in’s Grundwasser gelangt, sehr gering. Und die radiologische Belastung durch die natürlich vorhandenen Radionuklide liegt um Größenordnungen höher. Aber all das wüssten Sie, wenn Sie den Text etwas aufmerksamer gelesen hätten.

    Ach so, noch zu Ihrer Anmerkung mit den weisen Frauen: ich maße mir nichts an, ich bemühe lediglich Vergleiche. Und wenn ich sehe, wie Menschen ohne genaue Fachkenntnis und Wissen der Dinge über Themen diskutieren und argumentieren, dann bemühe ich eben einen solchen. Eine Hexenjagd erschien mir da als ein passender: auch dort wurden ungebildete Menschen von Obrigkeiten schlecht informiert und ohne dass sie sich die Mühe machten, diese Informationen zu hinterfragen, wurde auf “weise Frauen” eingeprügelt (Vorsicht: mit dem Wort “einprügeln” bemühe ich wieder einen Vergleich, das ist nicht wörtlich zu verstehen).

  1. 16. Mrz. 2012

 

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