Mark Lynas: Die Einwände gegen Kernenergie sind entweder urbane Mythen oder um Größenordnungen weniger wichtig als der Klimawandel
Mark Lynas ist ein britischer Journalist und Umweltaktivst der noch vor 10 Jahren dem dänischen Autor Bjorn Lomborg eine Torte ins Gesicht warf für dessen, dem grünen Mainstream gegenläufigen, Ansichten über den Umweltschutz. Lynas war damals Gegner von Kernenergie und Gentechnik.
Vor kurzem gab er ein Interview für das Onlinemagazin YALE environment 360, des Fachbereichs Forestry & Environmental (Forst- und Umweltwesen) der Yale Universität. Darin erklärt er unter anderem seinen Sinneswandel hin zur Unterstützung von Kernenergie und genmanipulierten Pflanzen.
Am liebsten würde ich den ganzen Artikel für alle übersetzen die nicht gut genug Englisch sprechen. Ich habe einige besonders interessante Stellen ausgesucht und übersetzt. Wer der englischen Sprache mächtig ist, sollte den Artikel im Original lesen.
e360: Sie argumentieren, dass Kernenergie notwendig ist um die Energiebedürfnisse der Welt zu stillen und den Klimawandel zu bekämpfen.
Lynas: Das ist eigentlich blendend (blindingly) offensichtlich, und ich frage mich warum ich so lange dafür brauchte [das zu erkennen]. Die 430 existierenden Reaktoren senken die Treibhausemissionen um 2 Milliarden Tonnen im Jahr. Und das ist schon der Anfang und das Ende der Debatte wenn man auch nur ein wenig Beunruhigung über den Klimawandel empfindet. Und alle grünen Einwände gegen die Kernenergie sind entweder urbane Mythen oder um Größenordnungen weniger wichtig als der Klimawandel.
Man lasse sich das Mal auf der Zunge zergehen. Ein wichtiger britischer Umweltaktivist bezeichnet die Einwände gegen die Kernenergie als Mythen oder unwichtig. Eine solche Aussage wäre für einen namhaften deutschen Umweltaktivisten medialer und gesellschaftlicher Selbstmord.
e360: Was ist mit der Kernschmelze im japanischen Kernkraftwerk Fukushima in der Folge von Erdbeben und Tsunami? Hat sie das nachdenklich gemacht?
Lynas: Natürlich machte es mich nachdenklich. Was da passierte ist tragisch. Obwohl, ich schätze wir können froh darüber sein, dass es dennoch ein nicht-tödlicher Unfall war, da durch Radioaktivität niemand gestorben oder ernsthaft verletzt worden ist.
Was mich allerdings natürlich befremdet und bedrückt ist wie der Fukushima-Unfall die enorme Tragödie der Tsunamikatastrophe und den Opfern überschattete. Und es zeigt, wie unsere Besessenheit vor den Gefahren von Strahlung weit, weit über der physikalischen Realität lag. Ich war besonders überrascht von den Panikkäufen von Salz und Jodtabletten in China. Diese Leute leben in Städten mit so hoher Verschmutzung, dass ihre Lebenserwartung stärker verkürzt wird als wenn sie in der Fukushima Evakuierungszone leben würden.
Unsere Risikobewertung ist total verzogen (skewed) wenn es um Kernenergie geht. Wir erlauben Irrationalität die Politik zu diktieren. Und das war die Reaktion der deutschen Regierung- sie erhoben irratonale Politik zu einer Art Führungsprinzip.
e360: Sie geben den Umweltschützern mit ihrer Furchtverbreitung (scare-mongering) eine große Mitschuld daran.
Lynas: Nach dem Unfall gab Greenpeace überall Pressekonferenzen in Schutzanzügen. Es gab Anti-Atom-Aktivisten die wollten Kalkpillen verkaufen um die Kinder von Fukushima zu retten. Sie glaubten an das was sie taten, aber diese Leute sind verrückt (nuts). Und sie richten echten Schaden an, indem sie Angst verbreiten. Wir wissen durch Tschernobyl, dass die psychologischen Folgen der Furcht vor Strahlung schlimmer sind – was Gesundheitsschäden angeht – als der tatsächliche Schaden der Strahlung selbst. Wir müssen daraus lernen, dass nichts ohne Folgen bleibt, atomare Furchtverbreitung eingeschlossen.
(…)
Alles in allem, bedeutet die Verbreitung der Kernenergie, dass wir nicht so viel Landmasse mit Windfarmen verbrauchen und nicht so viel Agrarland für Biokraftstoffe umwandeln müssen. Ich kann wirklich keinen Sinn darin sehen, weiter [gegen Kernenergie] zu sein.
Mark Lynas ist nicht der einzige Umweltaktivist der seine Meinung zu diesen Themen geändert hat. Stewart Brand, ein Urgestein der internationalen Umweltbewegung hat schon vor einigen Jahren seine Meinung über Kernenergie, Genmanipulation und Urbanisierung geändert.
Der britische Umweltaktivist und Journalist George Monbiot änderte durch Fukushima seine Position zur Kernenergie. (Deutsche Übersetzung hier)
In der internationalen Umweltszene findet ein Umbruch statt, der an den dogmatischen deutschen Grünen bisher offenbar vorbei geht.
Zuerst gesehen als Link bei oekowatch.org
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